HOMO DEUS: EINE GESCHICHTE VON MORGEN (GERMAN EDITION)
Tja, ich habe wieder mal ein Buch auf Deutsch gelesen, Home Deus, von Yuval Noah Harari and Andreas Wirthensohn und es hat sich gelohnt…
HOMO DEUS: EINE GESCHICHTE VON MORGEN (GERMAN EDITION)
Tja, ich habe wieder mal ein Buch auf Deutsch gelesen, Home Deus, von Yuval Noah Harari and Andreas Wirthensohn und es hat sich gelohnt, unabhängig von der Sprache. Aber ich schreibe mal einen seltenen Post auf deutsch, wenn ich es schon auf meiner Muttersprache gelesen habe.
Erstmal versuchen die Autoren klar zu machen, daß sich die Welt verändert hat, denn zum „ersten Mal in der Geschichte sterben mehr Menschen, weil sie zu viel essen und nicht weil sie zu wenig essen“. Das klingt banal, muss man sich aber auf der Zunge zergehen lassen.
> Noch 1967 hatten sich 15 Millionen mit den Pocken infiziert, zwei Millionen waren daran gestorben, doch 2014 gab es keine einzige Infektion und keinen einzigen Todesfall mehr. Der Sieg war so umfassend, dass die WHO die Pockenimpfung inzwischen eingestellt hat.
Und ganz nebenbei, kommen manche Krankheiten erst jetzt mehr zu Tage weil wir einfach in größerer Zahl älter werden. 80 Jährige gab es früher auch, und die durchschnittliche Lebenserwartung kam eher von der hohen Sterblichkeit im Kindesalter. „Galileo Galilei starb mit 77 Jahren, Isaac Newton mit 84, und Michelangelo erreichte ohne jede Hilfe durch Antibiotika, Impfstoffe oder Organtransplantationen das stolze Alter von 88 Jahren.“
> 2012 starben auf der ganzen Welt rund 56 Millionen Menschen — 620.000 von ihnen fielen menschlicher Gewalt zum Opfer (120.000 dem Krieg und 500.000 der Kriminalität). Im Vergleich dazu begingen 800.000 Menschen Selbstmord, und rund 1,5 Millionen starben an Diabetes. Zucker ist heute gefährlicher als Schießpulver.
Nur muss man dabei immer betrachten das wir uns Zucker selber antun, und erschossen werden wir von jemand anderem und daher rührt meiner Meinung nach der Angst Unterschied.
Was ich krass, aber wahrscheinlich zutreffend, fand, war das sich Krieg nicht mehr lohnt weil wir nicht mehr so sehr um Ressourcen kämpfen sondern um Wissen und das lässt sich nicht erobern und ausbeuten. Das gilt besonders in z.B. Europe wo Frieden nicht eine Abwesenheit von Kriegt ist, temporär wie es früher war, sondern mittlerweile eine Unwahrscheinlichkeit. Das versuchen Terroristen zu ändern indem sie uns reizen:
> Terroristen sind wie eine Fliege, die einen Porzellanladen zu zerschlagen versucht. Die Fliege ist so schwach, dass sie nicht einmal eine Teetasse ins Wanken bringt. Also sucht sie sich einen Stier, setzt sich in dessen Ohr und beginnt zu summen. Der Stier gerät in Panik und Wut und verwüstet den Porzellanladen.
Aber dann geht es ans eingemachte im Buch, und zwar darum was alles auf uns zu kommt, wie der Kampf um ewige Jugend. Erstmal ein wenig Geschichte:
> Ende des 18. Jahrhunderts verkündete der britische Philosoph Jeremy Bentham, höchstes Gut sei «das größte Glück der größten Zahl», und kam zu dem Schluss, einzig wirkliches Ziel des Staates, des Marktes und der wissenschaftlichen Gemeinschaft müsse es sein, das globale Glück zu steigern.
> Schulen wurden gegründet, um gut ausgebildete und gehorsame Bürger heranzuziehen, die der Nation loyal dienen sollten. Mit 18 mussten Jugendliche nicht nur patriotisch, sondern auch des Lesens und Schreibens mächtig sein, damit sie den Tagesbefehl des Brigadiers lesen und Schlachtpläne für morgen entwerfen konnten.
> Als Otto von Bismarck Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland erstmals eine Alters- und Invaliditätsversicherung einführte, wollte er damit vor allem die Loyalität der Bürger sicherstellen und nicht ihr Wohlergehen mehren.
> Dabei gilt es freilich zu bedenken, dass die amerikanische Unabhängigkeitserklärung das Recht auf das Streben nach Glück (pursuit of happiness) garantierte und nicht das Recht auf Glück als solches. Entscheidend dabei war: Thomas Jefferson machte nicht den Staat für das Glück seiner Bürger verantwortlich. Vielmehr wollte er lediglich die Macht des Staates begrenzen.
Uff… da muss das Gehirn des öfteren ein wenig nachdenken und das Ich muss verdauen. Aber ganz abwenden lässt sich das ganze nicht. Staatslenker denken oft strategischer als man das gerne vermuten will.
Aber das ganze bringt uns zum Glück und einem guten Teil des Buches. Grundsätzlich stimme ich der Gesamtthese überein, daß Glück von den richtigen (niedrigen) Erwartungen abhängt, den Wünschen, also von dem was man als notwendig erachtet.
> Niemand leidet, weil er seinen Job verloren hat, weil er sich scheiden ließ oder weil die Regierung in den Krieg zog. Das Einzige, was Menschen unglücklich macht, sind unangenehme Empfindungen in ihrem eigenen Körper.
> Schuld an all dem ist die Evolution. Seit unzähligen Generationen wurde unser biochemisches System dahingehend angepasst, dass es unsere Chancen auf Überleben und Reproduktion steigert, nicht aber unser Glück. Das biochemische System belohnt Handlungen, die dem Überleben und der Reproduktion dienlich sind, mit angenehmen Sinnesempfindungen.
> Die konkurrierenden Eichhörnchen, die fünf Minuten nach dem Verzehr einer Nuss schon wieder Hunger verspürten, hatten deutlich bessere Chancen, zu überleben und ihre Gene an die nächste Generation weiterzugeben. Aus genau dem gleichen Grund stellen uns die Nüsse, die wir Menschen sammeln — lukrative Jobs, große Häuser, gut aussehende Partner –, selten langfristig zufrieden.
Und am Ende geht dieses Glück auf die Biochemie zurück, auf Botenstoffe, zumindest dieses kurzfristige Glücksgefühl. Und wenn wir diese besser kontrollieren können, können wir glücklicher sein, so zumindest die Theorei.
> Ein paar Jahrhunderte früher hatte Buddha eine noch radikalere Lehre vertreten und behauptet, das Streben nach angenehmen Empfindungen sei in Wirklichkeit die Wurzel allen Leids. Solche Empfindungen sind danach lediglich kurzfristige und und bedeutungslose Vibrationen.
Menschen können sich upgrade, durch Biotechnologie, Cyborg-Tech oder durch Erzeugung nicht-organischer Lebewesen, und am Ende geht das Buch darum, was passiert, weil wir das einfach im Moment und in naher Zukunft viel besser können als jemals zuvor.
> Zwischen Heilen und Verbessern verläuft keine klare Trennlinie. Die Medizin sieht ihre Aufgabe zunächst einmal darin, dass sie Menschen davor bewahrt, unter eine bestimmte Norm zu fallen, doch die gleichen Instrumente und Kenntnisse können auch dazu beitragen, diese Norm zu übertreffen.
> Gerechtfertigt wird jede Aufwertung und Verbesserung zunächst mit der Heilung.
> Sobald ein entscheidender Durchbruch gelingt, kann man ihn nicht aufs Heilen beschränken und jede Verwendung zum «Upgrade» völlig verbieten.
Das ist das normale Dilemma. Erstmal heilen wir, aber dann entwickeln wir weiter. Und wo sind da die Grenzen. Wir stehen ja schon über den Tieren, zumindest hat es so schon die Bibel festgestellt:
> Die Bibel hält es für völlig in Ordnung, sämtliche Tiere als Strafe für die Verbrechen von Homo sapiens auszurotten, so als hätte die Existenz von Giraffen, Pelikanen und Marienkäfern jeglichen Zweck verloren, wenn sich die Menschen danebenbenehmen.
Hier gibt es viele Diskussionen und am Ende meinen die Autoren das es recht wahrscheinlich ist das wir eine Gruppe von Übermenschen bauen, einfach weil es möglich ist. Furchterregender ist die Frage ob wir dann die Masse noch brauchen, die wir früher als Arbeiter oder als Krieger brauchten aber vielleicht in Zukunft nicht mehr.
Dann geht es tief in die Idee des Bewusstseins, des eigenen Ichs. Mit ein paar interessanten Methoden.
> Wenn Tausende von Autos langsam durch London schleichen, dann sprechen wir von einem Stau, aber das erzeugt kein allgemeineres Londoner Bewusstsein, das hoch über Piccadilly schwebt und sich sagt: «Verflixt, ich fühle mich eingekeilt!» Wenn Millionen Menschen Milliarden von Aktien verkaufen, sprechen wir von einer Wirtschaftskrise, aber kein großer Geist der Wall Street grummelt: «Verdammt, ich hab das Gefühl, ich stecke in einer Krise.» Wenn sich Millionen von Wassermolekülen am Himmel zusammentun, sprechen wir von einer Wolke, aber es entsteht kein Wolkenbewusstsein, das verkündet: «Mir ist nach Regen.» Wie also kommt es, dass Milliarden von elektrischen Impulsen in meinem Hirn umhersausen und daraus ein Geist entsteht, der das Gefühl hat: «Ich bin wütend.» Heute, im Jahr 2016, haben wir davon keinerlei Vorstellung.
> Die Ironie dabei ist: Je genauer wir diesen Prozess nachzeichnen können, desto schwerer wird es, bewusste Gefühle zu erklären. Je besser wir das Gehirn verstehen, desto überflüssiger wirkt der Geist. Wenn das gesamte System mittels elektrischer Impulse funktioniert, die von hier nach dort fließen, warum müssen wir dann auch noch Angst empfinden? Wenn eine Kette elektrochemischer Reaktionen von den Nervenzellen im Auge bis zu den Bewegungen der Beinmuskulatur führt, warum sollten wir dieser Kette noch subjektive Erlebnisse hinzufügen? Was bringt das?
Grundsätzlich kann man da zustimmen, aber hier ist denke ich der Teil des Buches der durch sehr viele Beispiele versucht einen zum „Ja“ sagen zu bringen, um dann hoppladihopp eine These aufzustellen, in der Hoffnung das man wieder ganz schnell ja sagt. Am Ende sind es aber alles Thesen.
Das gleiche gilt für die Virtuellen Welten These:
> Sobald man die bloße Möglichkeit dieses Szenarios erkennt, bringt einen die Mathematik zu einer beklemmenden Schlussfolgerung: Da es nur eine reale Welt gibt, die Zahl potenzieller virtueller Welten hingegen unendlich ist, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass man zufällig in der einzigen realen Welt lebt, bei fast null.
Grundsätzlich führt das wieder zu der Frage ob es einen Geist, ein eigenes Ich gibt,
> Der Turing-Test wurde 1950 von dem britischen Mathematiker Alan Turing erfunden, einem der Väter des Computerzeitalters. Turing war überdies schwul, und das zu einer Zeit, als Homosexualität in Großbritannien eine Straftat war. 1952 wurde er wegen homosexueller Handlungen verurteilt und gezwungen, sich einer chemischen Kastration zu unterziehen. Zwei Jahre später beging er Selbstmord. Der Turing-Test ist schlicht und einfach die Nachbildung eines ganz profanen Tests, den jeder Schwule im Großbritannien des Jahres 1950 über sich ergehen lassen musste: Konnte man ihn für einen Heterosexuellen halten? Turing wusste aus persönlicher Erfahrung, dass es keine Rolle spielte, wer man wirklich war — wichtig war allein, was andere über einen dachten.
Wusste ich jetzt auch nicht, das daher der Turing-Test kam.
> Dass es sich beim Geld um eine intersubjektive Realität handelt, ist relativ leicht einzusehen. Ebenso gehen die meisten Menschen davon aus, dass antike griechische Götter, böse Imperien und die Werte außerirdischer Kulturen nur in der Fantasie existieren. Und doch wollen wir nicht akzeptieren, dass unser Gott, unsere Nation oder unsere Werte bloße Fiktion sind, denn das sind die Dinge, die unserem Leben Sinn geben. Wir wollen glauben, dass unser Leben einen objektiven Sinn hat, dass unsere Opfer zu mehr gut sind als nur für die Geschichten in unserem Kopf. In Wahrheit jedoch hat das Leben der meisten Menschen nur in dem Geflecht der Geschichten, die sie einander erzählen, einen Sinn.
> Das ist der Gang der Geschichte. Menschen weben am Geflecht des Sinns, sie glauben mit ganzem Herzen daran, doch früher oder später löst sich dieses Geflecht auf, und wenn wir zurückblicken, können wir nicht begreifen, wie irgendjemand es jemals ernst nehmen konnte. Sich auf einen Kreuzzug zu begeben in der Hoffnung, ins Paradies zu kommen, klingt, von heute aus betrachtet, wie der schiere Wahnsinn.
> Die Sapiens beherrschen die Welt, weil nur sie ein intersubjektives Sinngeflecht erzeugen können: ein Geflecht aus Gesetzen, Kräften, Wesenheiten und Orten, die nur in ihrer gemeinsamen Fantasie existieren. Dieses Geflecht ermöglicht es einzig und allein den Menschen, Kreuzzüge, sozialistische Revolutionen und Menschenrechtsbewegungen zu organisieren.
> Wenn wir unsere Zukunft verstehen wollen, wird es deshalb nicht ausreichen, Genome zu entschlüsseln und über Zahlen zu brüten. Wir müssen die Fiktionen entschlüsseln, die der Welt einen Sinn verleihen.
Spannendes Thema: Wir sind unsere Geschichten.
Und auch spannend was dann für Informationen ausgegraben werden.
> Gegen Ende des 19. Jahrhunderts beanspruchten mehrere europäische Mächte afrikanische Gebiete für sich. Aus Angst, widerstreitende Ansprüche könnten zu einem gesamteuropäischen Krieg führen, versammelten sich die betroffenen Parteien 1884 in Berlin und teilten Afrika wie einen Kuchen unter sich auf. Damals war das Innere Afrikas weitgehend Terra incognita für Europäer. Die Briten, Franzosen und Deutschen verfügten zwar über exakte Karten der Küstenregionen Afrikas und wussten genau, wo der Niger, der Kongo und der Sambesi ins Meer münden. Doch über den Verlauf dieser Flüsse im Landesinneren, über die Königreiche und Stämme, die an ihren Ufern lebten, und über die lokale Religion, Geschichte und Geographie wussten sie so gut wie nichts. Für die europäischen Diplomaten spielte das keine Rolle. Sie nahmen eine jungfräuliche Karte von Afrika, breiteten sie fein säuberlich auf einem Tisch in Berlin aus, zogen hier und da ein paar Linien und teilten den Kontinent untereinander auf. Als die Europäer, bewaffnet mit der so gezeichneten Karte, kurze Zeit später ins Innere des Kontinents vordrangen, merkten sie, dass viele der in Berlin gezogenen Grenzen der geographischen, ökonomischen und ethnischen Wirklichkeit Afrikas nicht gerecht wurden. Doch um erneute Auseinandersetzungen zu vermeiden, hielten die Invasoren an ihren Abmachungen fest, und so wurden diese erfundenen Linien zu den tatsächlichen Grenzen europäischer Kolonien. Als sich die europäischen Großreiche in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auflösten und die Kolonien nach und nach die Unabhängigkeit erlangten, übernahmen die neuen Länder die kolonialen Grenzen, weil sie befürchteten, alles andere würde nur endlose Kriege und Konflikte zur Folge haben. Viele der Schwierigkeiten, vor denen afrikanische Länder heute stehen, resultieren aus der Tatsache, dass ihre Grenzen wenig sinnvoll sind. Als die schriftlichen Fantasien europäischer Bürokratien auf die afrikanische Wirklichkeit trafen, hatte sich die Wirklichkeit zu fügen.
Auch unsere heutige Wirklichkeit ist manchmal fraglich ob sie die bessere ist.
> Pauschalurlaub: Steinzeit-Pauschale: An Tag 1 werden wir zehn Stunden durch einen Urwald marschieren und auf einer Lichtung am Fluss unser Nachtlager aufschlagen. An Tag 2 werden wir zehn Stunden lang mit einem Kanu den Fluss hinunterfahren und am Ufer eines kleinen Sees kampieren. An Tag 3 werden wir von den Eingeborenen lernen, wie man im See Fische fängt und in den umliegenden Wäldern Pilze findet. Moderne Proletarierpauschale: An Tag 1 werden wir zehn Stunden lang in einer schmutzigen Textilfabrik arbeiten und die Nacht in einer überfüllten Mietskaserne verbringen. An Tag 2 werden wir zehn Stunden lang als Kassierer im örtlichen Supermarkt arbeiten und dann wieder im gleichen Wohnblock schlafen. An Tag 3 werden wir von den Einheimischen lernen, wie man ein Bankkonto eröffnet und Hypothekenscheine ausfüllt.
Irgendwie klingt die moderne Welt nicht besser wenn sie so dargestellt wird. Wir müssen überlegen was unsere Realität ist und wie wir sie gestalten wollen. Das bringt und auch zur Religion und einer sehr guten Definition wie ich finde:
> Religion behauptet, wir Menschen seien einem System moralischer Gesetze unterworfen, das wir nicht erfunden haben und das wir nicht verändern können.
Hier mal ein interessantes Gedankenspiel dazu, wenn auch etwas fies.
> «Papa, warum sollen wir kein Schweinefleisch essen?» Der Vater streicht nachdenklich durch seinen langen weißen Bart und erwidert: «Nun, Yankele, so ist die Welt nun mal. Du bist noch jung und verstehst das noch nicht, aber wenn wir Fleisch essen, wird Gott uns bestrafen, und es wird für uns ein schlimmes Ende nehmen. Das ist nicht meine Idee. Es ist nicht einmal die Idee des Rabbis. Hätte der Rabbi die Welt geschaffen, hätte er vielleicht eine Welt geschaffen, in der Schweinefleisch vollkommen koscher ist. Aber der Rabbi hat die Welt nun mal nicht geschaffen — Gott hat sie geschaffen. Gott hat — ich weiß nicht, warum — gesagt, dass wir kein Schweinefleisch essen sollen. Also sollen wir das nicht tun. Capeesh?» 1943 kommt ein deutscher Junge zu seinem Vater, einem hochrangigen SS-Offizier, und fragt: «Papa, warum töten wir die Juden?» Der Vater zieht seine blitzblank gewienerten Lederstiefel an und erklärt unterdessen: «Nun, Fritz, so ist die Welt nun mal. Du bist noch jung und verstehst das noch nicht, aber wenn wir die Juden am Leben lassen, werden sie für die Degeneration und die Auslöschung der Menschheit sorgen. Es ist nicht meine Idee, und es ist noch nicht einmal die Idee des Führers. Hätte Hitler die Welt geschaffen, hätte er vielleicht eine Welt geschaffen, in der die Gesetze der natürlichen Auslese nicht gelten und Juden und Arier in vollkommener Harmonie zusammenleben können. Aber Hitler hat die Welt nun einmal nicht geschaffen. Er hat es lediglich geschafft, die Naturgesetze zu entschlüsseln, und uns dann beigebracht, wie wir im Einklang mit ihnen leben. Wenn wir diese Gesetze missachten, wird das schlimm für uns enden. Ist das klar?!»
Auch politischer Glaube ist eine Art Religion, da auch ihre Anhänger an moralische Gesetze glauben bzw ihnen gehorchen und diese auch oft nicht hinterfragen. Hinterfragen ist aber wichtig.
> Im Zen-Buddhismus heißt es: «Triffst du Buddha unterwegs, so töte ihn!» Das bedeutet: Wenn man unterwegs auf dem spirituellen Pfad den Vorstellungen und festen Gesetzen des institutionalisierten Buddhismus begegnet, muss man sich auch von ihnen befreien. Für die Religionen ist die Spiritualität eine gefährliche Bedrohung.
Natürlich sind viele Teile von Religion heute noch gültig, aber vieles davon aus anderen Gründen oder Logik. So soll man weiterhin nicht töten, aber heute weil es Familien und Freunden Leid zufügte, nicht weil irgendjemand das mal in ein Buch geschrieben hat. Da ist aber auch immer die Frage spannend was passieren würde wenn wir unser Gehirn hochladen können und Tot nicht mehr ist als ein Körperverlust und neue Körper wie Autos gekauft werden können. Finden wir Mord dann noch schlimm oder nur nervig?
> Sicher, trotzdem werden Hunderte Millionen weiter an den Islam, das Christentum oder den Hinduismus glauben. Aber Zahlen allein zählen in der Geschichte nicht viel. Die Geschichte wird oftmals eher von kleinen Gruppen weitblickender Neuerer als von den rückwärtsgewandten Massen geprägt. Vor 10.000 Jahren waren die meisten Menschen Jäger und Sammler, und nur ein paar Pioniere im Mittleren Osten betrieben Landwirtschaft. Doch die Zukunft gehörte den Bauern. 1850 waren mehr als 90 Prozent der Menschen Bauern, und in den kleinen Dörfern entlang des Ganges, des Nil und des Jangtse wusste niemand etwas von Dampfmaschinen, Eisenbahnen oder Telegrafenleitungen. Doch das Schicksal dieser Bauern war bereits in Manchester und Birmingham von der Handvoll Ingenieure, Politiker und Finanziers besiegelt worden, welche die industrielle Revolution vorantrieben. Dampfmaschinen, Eisenbahnen und Telegrafen veränderten die Produktion von Nahrungsmitteln, Textilien, Fahrzeugen und Waffen und verschafften den Industriemächten einen entscheidenden Vorteil gegenüber traditionellen Agrargesellschaften.
Was kommt als nächstes.
> Die Hauptprodukte des 21. Jahrhunderts werden Körper, Gehirne und Geist sein, und die Kluft zwischen denen, die wissen, wie man Körper und Gehirne herstellt, und denen, die keine Ahnung davon haben, wird viel größer sein als die Kluft zwischen dem Großbritannien von Charles Dickens und dem Sudan des Mahdi.
> Aus diesem Grund stellen traditionelle Religionen keine wirkliche Alternative zum Liberalismus dar. In ihren Schriften findet sich nichts über Gentechnologie oder künstliche Intelligenz, und die meisten Priester, Rabbiner und Muftis begreifen die jüngsten Errungenschaften in der Biologie und in der Computerwissenschaft schlicht nicht. Will man aber diese bahnbrechenden Entwicklungen verstehen, hat man im Grunde keine Wahl — man muss seine Zeit damit verbringen, wissenschaftliche Artikel zu lesen und Laborexperimente durchzuführen, statt alte Texte auswendig zu lernen und darüber zu diskutieren.
Hier geht das Buch dann in der natürlichen Auslese etwas weit, da angenommen wird diese ist nicht notwendig, da wir ja schon entscheiden was gut für uns ist und somit das ganze gesteuert und nicht „natürlich“ stattfindet. Da stellt er aber natürliche Auslese auch wieder als kurzfristiges Projekt dar und nicht den Jahrhunderte dauernden Prozess über viele Generationen.
Aber ja, freier Willen ist ein interessantes Thema, da ja alles theoretisch nur elektrische Stöße im Kopf sind:
> Ich entscheide mich nicht für meine Wünsche, ich spüre sie lediglich und handle entsprechend.
> Den freien Willen anzuzweifeln ist nicht nur eine philosophische Trockenübung, sondern hat auch praktische Auswirkungen. Wenn es Organismen tatsächlich an einem freien Willen fehlt, dann bedeutet das, dass wir unsere Wünsche mit Hilfe von Medikamenten, Gentechnik oder direkter Gehirnstimulation manipulieren und sogar kontrollieren könnten.
Auch hier geht es ein wenig weit. Ob uns der freie Wille fehlt oder nicht, können Medikamente Reaktionen beeinflussen, und diese Auswirkungen sind vollkommen unabhängig von freiem Willen oder nicht. Er hat auch nie wirklich gezeigt dass es keinen freien Willen gibt, nur angezweifelt und vermutet dass dies einfach ein paar Stromstöße im Gehirn sein könnten. Zumindest wurde schon gezeigt das man Vorraussagen treffen kann was ein Mensch „will“, da sich dies im Gehirn messen lässt bevor die Entscheidung artikuliert wird.
> Soweit wir bisher wissen, spürt die Ratte nicht, dass jemand anderer sie kontrolliert, und hat nicht das Gefühl, dass sie gegen ihren Willen zu etwas gezwungen wird. Wenn Professor Talwar auf die Fernbedienung drückt, will sich die Ratte nach links bewegen, weshalb sie sich dann auch nach links bewegt. Drückt der Professor auf einen anderen Knopf, dann will die Ratte auf eine Leiter klettern, weshalb sie die Leiter erklimmt. Schließlich sind die Wünsche der Ratte nichts anderes als ein Muster feuernder Neuronen. Was spielt es dabei für eine Rolle, ob die Nervenzellen feuern, weil sie durch andere Nervenzellen oder weil sie durch die eingepflanzten Elektroden stimuliert werden, die mit Professor Talwars Fernbedienung verbunden sind? Würde man die Ratte danach fragen, würde sie vermutlich sagen: «Klar habe ich einen freien Willen! Schau, ich will nach links — und laufe nach links. Ich will auf die Leiter — und klettere auf die Leiter. Beweist das nicht, dass ich einen freien Willen habe?»
Aber dies sind zugegeben sehr spannende Gedanken. Das bringt uns zu etwas ganz krassem, das erlebende und das erinnernde Selbst.
> Eine Darmspiegelung dauerte acht Minuten, wobei der Patient im schlimmsten Moment den Schmerz mit 8 einstufte und in der letzten Minute ein Schmerzniveau von 7 angab. Als die Untersuchung vorbei war, gab dieser Patient sein Gesamtschmerzniveau mit 7,5 an. Eine andere Darmspiegelung dauerte 24 Minuten. Auch dieses Mal lag der höchste Schmerzwert bei 8, doch in der allerletzten Minute der Untersuchung gab der Patient ein Schmerzniveau von 1 an. Dieser Patient gab als Gesamtschmerz lediglich einen Wert von 4,5 an. Die Tatsache, dass eine Darmspiegelung dreimal so lang dauerte und er folglich insgesamt mehr Schmerz zu erleiden hatte, beeinflusste seine Erinnerung überhaupt nicht. Das erinnernde Selbst bildet keine Summe der Erlebnisse, sondern einen Mittelwert.
> Fragt man das erlebende Selbst, wird es vermutlich eine kurze Darmspiegelung präferieren. Fragt man hingegen das erinnernde Selbst, wird es sich für eine lange Darmspiegelung aussprechen, weil es sich nur an den Mittelwert zwischen dem schlimmsten Moment und dem letzten Moment erinnert. Tatsächlich sollte der Arzt aus Sicht des erinnernden Selbst ganz am Ende der Untersuchung ein paar völlig überflüssige Minuten dumpfen Schmerzes hinzufügen, weil dadurch die Gesamterinnerung weniger traumatisch ausfällt.
Krass oder? Und das Buch ist voll von solchen Stellen.
Aber zurück zu uns Menschen. Wir sind nicht mehr für Kriege notwendig, müssen keine Hammer mehr schwingen oder Knöpfe drücken, und “Menschen stehen in der Gefahr, ihren ökonomischen Wert zu verlieren, weil sich Intelligenz vom Bewusstsein abkoppelt.” Und das ist genau der Kern. Ob es Bewusstsein gibt oder nicht ist fast irrelevant, so lange Intelligenz ohne Bewusstsein existieren kann.
> Die wichtigste ökonomische Frage des 21. Jahrhunderts dürfte sein, was wir mit all den überflüssigen Menschen anfangen.
> Der von Frey und Osborne für ihre Berechnungen entwickelte Algorithmus schätzte, dass 27 Prozent der Arbeitsplätze in den USA hochgradig gefährdet sind. So besteht beispielsweise eine 99-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass bis 2033 menschliche Telefonverkäufer und Versicherungsvertreter ihren Job an Algorithmen verlieren. Dass das Gleiche mit Schiedsrichtern im Sport geschehen wird, ist zu 98 Prozent wahrscheinlich, dass es mit Kassiererinnen geschehen wird, zu 97 Prozent, und für Küchenchefs wurde ein Wert von 96 Prozent ermittelt. Kellner — 94 Prozent. Anwaltsgehilfin — 94 Prozent. Fremdenführer — 91 Prozent. Bäcker — 89 Prozent. Busfahrer — 89 Prozent. Bauarbeiter — 88 Prozent. Tierarzthelferinnen — 86 Prozent. Wachdienste — 84 Prozent. Seeleute — 83 Prozent. Barkeeper — 77 Prozent. Archivare — 76 Prozent. Schreiner — 72 Prozent. Bademeister — 67 Prozent. Und so weiter. Natürlich gibt es auch ein paar sichere Jobs. Die Wahrscheinlichkeit, dass Computeralgorithmen bis 2033 Archäologen ersetzen, liegt bei lediglich 0,7 Prozent, denn dieser Job erfordert hochkomplexe Formen der Mustererkennung und erzielt keine Gewinne. Insofern ist es eher unwahrscheinlich, dass Unternehmen oder Regierungen innerhalb der nächsten zwanzig Jahre die notwendigen Investitionen vornehmen, um die Archäologie zu automatisieren.
Ok, meine Kinder werden also Archäologe, und versuchen rauszufinden was diese komischen Menschen früher denn gemacht haben. :)
Nun wird es radikaler:
> Der Liberalismus spricht das erinnernde Selbst heilig und gestattet ihm, im Wahllokal, im Supermarkt und auf dem Heiratsmarkt die Stimme abzugeben. Jahrhundertelang war das durchaus sinnvoll, denn auch wenn das erinnernde Selbst an alle möglichen Fiktionen und Fantasien glaubte, gab es kein anderes System, das mich besser kannte. Doch sobald wir über ein System verfügen, das mich tatsächlich besser kennt, wäre es ziemlich dämlich, die Autorität in den Händen des erinnernden Selbst zu belassen.
> Bisher haben wir zwei der drei praktischen Bedrohungen für den Liberalismus näher beleuchtet: dass erstens Menschen ihren Wert vollständig verlieren werden und dass zweitens Menschen zwar als Kollektiv weiterhin von Wert sind, sie aber ihre individuelle Macht verlieren und stattdessen von externen Algorithmen gelenkt werden. Das System wird Sie immer noch brauchen, um Symphonien zu komponieren, Geschichte zu unterrichten oder Computerprogramme zu schreiben, aber das System wird Sie besser kennen als Sie sich selbst und deshalb die meisten wichtigen Entscheidungen für Sie treffen — und Sie werden damit vollkommen zufrieden sein. Das wird nicht zwangsläufig eine schlechte Welt sein; aber es wird eine postliberale Welt sein. Die dritte Bedrohung für den Liberalismus besteht darin, dass einige Menschen sowohl unentbehrlich als auch unentschlüsselbar bleiben, aber sie werden eine kleine und privilegierte Elite optimierter Menschen bilden.
> Anders als im 20. Jahrhundert, als die Eliten ein Interesse daran hatten, sich um die Probleme der Armen zu kümmern, weil diese militärisch und wirtschaftlich wichtig waren, könnte im 21. Jahrhundert die effizienteste (und zugleich rücksichtsloseste) Strategie darin bestehen, die nutzlosen Waggons der dritten Klasse abzukoppeln und nur mit der ersten Klasse weiterzufahren.
Also wenn wir Technologie nutzen um uns zu besseren Menschen zu machen, werden wir alle am Ende das gleiche Designer Bild, ohne Individualität und machen wir uns dann selber kaput? Wenn wir über Daten alles besser wissen, wird es dann noch Demokratie geben?
> Da sowohl Menge als auch Geschwindigkeit der Daten zunehmen, könnten altehrwürdige Institutionen wie Wahlen, Parteien und Parlamente obsolet werden — nicht weil sie unmoralisch wären, sondern weil sie Daten nicht effizient genug verarbeiten. Diese Institutionen entstanden in einer Zeit, als die Politik sich schneller entwickelte als die Technologie. Im 19. und 20. Jahrhundert entfaltete sich die industrielle Revolution langsam genug, sodass Politiker und Wähler ihr immer einen Schritt voraus blieben und ihren Verlauf regulierten und beeinflussten. Doch während sich der Rhythmus der Politik seit dem Dampfzeitalter nicht groß verändert hat, hat die Technik vom ersten in den vierten Gang geschaltet. Technologische Revolutionen laufen heute viel schneller ab als politische Prozesse, was dazu führt, dass Parlamentarier und Wähler gleichermaßen die Kontrolle verlieren.
Bei Daten getriebenen Entscheidungen gehen die Autoren etwas zu weit, da es dort nicht immer um Daten als solche geht sondern um die Nutzung von Daten. Verschiedene Musik ist nicht besser wegen Daten in der Musik sondern wegen Reaktionen auf diese Musik. Und ja, darauf kann man wieder auf Teile von Musik schließen die wichtig sind, aber nur mit gegebenen Reaktionen außen herum.
Früher haben wir den Sternen geglaubt, dann kam Juden und Christentum und wir glaubten der Bibel, und da wir die Bibel quasi erfunden haben, sind wir auch eigentlich die Quelle der Wahrheit, und der Humanismus wart geboren und empfahl Goethe und Tagebücher um uns selbst zu finden.
> Die eigenen Gefühle sind natürlich nicht unfehlbar, aber sie sind besser als die meisten Alternativen. Über Jahrmillionen waren Gefühle die besten Algorithmen auf der Welt. Deshalb hätten die Menschen in den Zeiten von Konfuzius, Mohammed oder Stalin lieber auf ihre Gefühle als auf die Lehren des Konfuzianismus, des Islam oder des Kommunismus hören sollen.
Jetzt sind wir aber so weit das wir bessere Algorithmen finden, von Google und Facebook, die besser wissen was wir tun sollten.
> Was bringt es, demokratische Wahlen abzuhalten, wenn die Algorithmen wissen, wie jede Person abstimmen wird, und wenn sie sogar die genauen neurologischen Gründe dafür kennen, warum der eine rechtsnational wählt und der andere sein Kreuzchen bei einer linken Partei macht? Hatte der Humanismus befohlen: «Hör auf deine Gefühle!», so verlangt der Dataismus nun: «Hör auf die Algorithmen! Sie wissen, wie du dich fühlst.»
Das ist als solches eigentlich wahr, viele Algorithmen wissen es besser aber genau deshalb müssen wir genauer drüber nachdenken was das alles nur heißen mag. Das Buch gibt hier keine Antworten, nur Denkanstöße.
> Wenn wir aber das Leben im Großen und Ganzen in den Blick nehmen, werden alle anderen Probleme und Entwicklungen von drei miteinander verknüpften Prozessen überschattet: 1.Die Wissenschaft konvertiert zu einem allumfassenden Dogma, das behauptet, Organismen seien Algorithmen und Leben sei Datenverarbeitung. 2.Intelligenz koppelt sich vom Bewusstsein ab. 3.Nicht-bewusste, aber hochintelligente Algorithmen könnten uns schon bald besser kennen als wir uns selbst.
> Diese drei Prozesse werfen drei Schlüsselfragen auf, die Sie, so hoffe ich, noch lange nach der Lektüre dieses Buches beschäftigen werden: 1.Sind Organismen wirklich nur Algorithmen, und ist Leben wirklich nur Datenverarbeitung? 2.Was ist wertvoller — Intelligenz oder Bewusstsein? 3.Was wird aus unserer Gesellschaft, unserer Politik und unserem Alltagsleben, wenn nichtbewusste, aber hochintelligente Algorithmen uns besser kennen als wir uns selbst?
Zeit zum Nachdenken.

